In Füth finden Schutzgeldererpressungen von Gaststätten statt,
wobei eine Zusammenarbeitvvon kroatischen Faschisten und fränkischen Neonazis erkennbar ist.
Privatdetektiv Paul Jonas versucht die Neonazis und ihren kroatischen Boss dingfest zu machen und das erpresste Geld den Wirten zurückzugeben.

Erschienen 2021 bei BOD, 320 Seiten 12,99 €, E-Book 8,99 €
ISBN 978-3-7543-5780-4

Lesepeobe





Kapitel 10: Stijepo Bistrić am Friedhof in Borje

Es ging auf Mitternacht zu. Außer unserer Familie waren nur noch Drago und Vera von den Gästen anwesend – Ivo fehlte. Beide hatten besorgte Gesichter.
„Ich schaue mal nach Borje“, verkündete Drago. „Irgendetwas stimmt da nicht. Entweder man hat ihm wieder etwas angetan oder er hat …“
Drago sprach den Satz nicht aus, schluckte aber schwer. Ich wusste, was er meinte. Ivo hatte bereits Suizidversuche unternommen und danach viele Monate in der Psychiatrie verbracht.
„Ich fahre dich “, bot ich ihm an. „Ich dürfte zwar nicht mehr, aber ich denke, Polizei wird auf der Nebenstraße nicht unterwegs sein.“
Drago nickte und wir stiegen in mein Auto. Ich fuhr langsam. Die schmale Straße war nicht beleuchtet, aber das Fernlicht verschaffte mir eine gute Sicht. Nach drei Kilometern hatten wir Borje erreicht. Borje besteht nur aus wenigen Häusern und ich war mir nicht sicher, ob überhaupt jemand noch dauerhaft dort wohnte. Ein paar Häuser wurden nur am Wochenende genutzt und zwei standen als einfache Ferienhäuser für Touristen, die absolute Ruhe suchten, zur Verfügung. Ich hielt am Mini-Friedhof, der kaum mehr als zehn Gräber hatte, an. Nur durch das Mondlicht beleuchtet, wirkte der Friedhof mit seinen schwarzen Grabsteinen gespenstisch. Der kühle Nachtwind unterstrich diese Stimmung. Der Friedhof wurde von einer niedrigen Mauer umrahmt. Auf der Seeseite befand sich ein Steilhang zum Meer. Auf einem der liegenden Grabsteine saß Ivo, vornübergebeugt und heulte. Auf einmal stieß er einen lauten Schrei aus.
„Gott sei Dank! Er lebt!“, rief Drago, rannte zu seinem Sohn und nahm ihn in seinen Arm.
Ich stand ratlos daneben.
„Papa!“, rief Ivo, schluchzte und heulte aber weiter.
Es dauerte lange bis er soweit war, dass er ins Auto steigen konnte. Wir fuhren zurück nach Postup und brachten Ivo ins Wohnzimmer in Vlahos Haushälfte, wo die Familie und Vera warteten. Vera eilte sofort auf Ivo zu und nahm ihren schluchzenden Sohn in die Arme.
Irgendwann fand Ivo die Sprache wieder und er konnte stockend und von Schluchzern unterbrochen erzählen, was passiert war. Ich habe noch nie einen erwachsenen Mann in so einem Zustand gesehen, aber Ivo hatte eben Wunden in seiner Seele, die anscheinend wieder aufgebrochen waren.
Ivo hatte nach seiner Ankunft auf dem Friedhof gebetet, die Ruhe des Ortes genossen und beschlossen, noch etwas zu verweilen. Gerade als er aufbrechen wollte, hörte er zwei Männerstimmen. Einer schrie, der andere jammerte. Dann waren ein langgezogener Schrei und ein Aufschlag zu hören. Ivo rannte vor zur Friedhofsmauer. Er sah eine Gestalt, die den Steilhang zum Meer hinunter blickte und den Faschistengruß Za dom – spremni! (Für die Heimat – bereit) rief. Entsetzen ergriff Ivo. Er wollte schreien, hielt sich aber selbst die Hand auf den Mund, um sich nicht zu verraten. Die Gestalt entfernte sich wieder. Dann war es um ihn geschehen: Er konnte nur noch heulen und schreien. Seit dem Krieg konnte er keinen gewaltsamen Tod mehr ertragen. Das Erlebnis hatte zu einem Nervenzusammenbruch bei ihm geführt.
Für Nervenzusammenbrüche hatte mein Vater ein hervorragendes Mittel: Seinen selbst gebrannten Loza, ein Traubenschnaps, ähnlich dem italienischen Grappa. Er goss uns allen – bis auf Marko – ein Glas voll ein. Wir waren nach Ivos Erzählung entsetzt und hatten die Medizin auch bitter nötig.
„Auch wenn der Inhalt nur 50 Prozent hat – ihr werdet sehen: Er hilft hundertprozentig“, meinte er.
Er sollte recht behalten. Unsere Nerven beruhigten sich tatsächlich etwas. Nur Drago hielt sein Glas so fest umklammert, als wollte er es zerdrücken.
„Diese Scheißfaschisten!“, schrie er.
Es war bereits lange nach Mitternacht, aber wir beschlossen dennoch, die Polizei anzurufen. Doch das hätten wir uns sparen können. Der Polizeibeamte erklärte, in der Nacht käme mit Sicherheit niemand mehr, nahm Dragos Name und Anschrift auf und versprach, dass morgen seine Kollegen sich bei ihm melden würden. Die Brboras gingen mit Ivo nach Hause.
„Wir sollten nochmals nach Borje fahren. Vielleicht lebt der Mann noch und wir können Erste Hilfe leisten“, schlug ich vor.
Mein Vater und Vlaho nickten und Vlaho holte eine starke Lampe und ein langes Seil. In Borje leuchteten wir von der Friedhofsmauer den Hang hinab. Etwa 50 Meter nach dem Friedhof lag auf halber Höhe etwas, was wie ein menschlicher Körper aussah. Wir riefen ihn an, doch eine Reaktion blieb aus.
„Da kommen wir nicht ran, Stijepo. Dazu bräuchten wir eine richtige Kletterausrüstung“, sagte Vlaho zu mir.
„Ich probiere es trotzdem mit dem Seil. Ich würde es mir nie verzeihen, wenn wir nicht alles versucht hätten, den Mann zu retten“, entgegnete ich, auch wenn der Alkoholkonsum mich schon etwas beeinträchtigte.
Ich legte mir eine Schlinge unter die Arme und begann mit dem Abstieg. Ante und Vlaho legten das Seil um einen Baum, so dass sie mich langsam ablassen konnten. Die ersten Meter ging es ganz gut. Dann kam ein kleiner Felsvorsprung, von dem aus ich etwas näher an das Opfer heranzukommen hoffte. Doch der Plan misslang. Kaum stand ich mit beiden Füßen auf dem bröckeligen Felsen, gab dieser nach, so dass ich etwa einen halben Meter fiel und mir das Seil die Haut aufscheuerte. Nach einigen Aufschlägen hörte ich, wie der Felsen ins Meer fiel. Ich hing nun an einer steilen Wand, ohne eine Chance, näher an den leblosen Körper heranzukommen.
„Zieht mich hoch!“, schrie ich nach oben. Ante und Vlaho gaben ihr Bestes und nach wenigen Minuten stand ich wieder auf festem Boden. Ich war frustriert, dass unsere Hilfsaktion gescheitert war. Die Schrammen, die ich davongetragen hatte und meine zerrissenen Klamotten waren mir dagegen relativ egal.