Fürther Verschwörungen

In ihrem dritten Fall ermitteln Privatdetektiv Paul Jonas und Hobbydetektiv Stijepo Bistri´c unabhängig voneinander.

Stijepo versucht, die Morde durch vergiftete Lebensmittel an Kunden derFürther Tafel aufzuklären. Die erste Spur führt ins rechtsradikale Milieu. Er erhält Unterstützung von Computerfresk Thorsten Grübel. Auch Stijpos Sohn Marco darf detektivische Erfahrungen sammeln.

Paul schlägt sich mit Reichsbürgern und Querdenkern herum, die Schüler eines Fürther Gymnasiums mit ihren kruden Verschwörungstheorien indoktrinirt haben und ein bundesweites gemeinsames Netzwerk aufbauen wollen.


Erschienen 2021 bei BOD 232 Seiten 10,99 €, E-Book 7,49 €
ISBN Nr. 9783756246670

Leseprobe

Kapitel 9: Paul Jonas lauscht

Um 22 Uhr saß ich am Ufer der Pegnitz auf einer Bank und wartete. Laut Aussage der Sozialkundelehrerin pflegten hier Sportlehrer Markus Schleifer und Geschichtslehrer Normann Eicher samstags in der Nacht zu joggen. Doch die Nacht war lang und ich kannte den Zeitpunkt der sportlichen Unternehmung leider nicht. Wenn ich Pech hatte, konnte sich die Wartezeit bis kurz vor Sonnenaufgang hinziehen. Doch zeitaufwändige und manchmal auch ergebnislose Observierungen gehörten eben zum Job eines Privatdetektivs. Das Einzige, was am Ende zählte, war der erfolgreiche Abschluss der Ermittlungen, auch wenn dafür viel Mühe aufgewendet werden musste.
Vorsichtshalber verkleidete ich mich wieder einmal mit meiner schwarzen Perücke. Meine Verkleidungsstrategien hatten mir schon oft zum Erfolg verholfen. Da ich mich den beiden Joggern in einem Sicherheitsabstand an die Fersen heften wollte, trug auch ich einen Jogginganzug.
Zwei Stunden saß ich auf der Bank und kämpfte gegen die Müdigkeit. Keine Seele ließ sich während der ganzen Zeit blicken, und hätte der Mond nicht etwas Licht verbreitet, wäre es stockdunkel gewesen. Aus der Ferne hörte ich schnelle, kurz aufeinander folgende Schritte.
Jetzt ging’s anscheinend los.
Ich erhob mich und machte ein paar Knie- und Rumpfbeugen sowie Dehnübungen, um den Sportler vorzutäuschen.
Zwei Jogger liefen an mir vorüber und ich hörte Schleifers keuchende Stimme mit seinem etwas eigenartigen Dialekt: „Auch ein Nachtsportler wie wir.“
Ich ließ den beiden etwa 50 Meter Vorsprung, dann setzte auch ich mich in Bewegung.
Nach dem Stadtparkweiher bogen sie rechts ab, liefen an der Freilichtbühne vorbei und legten bei der Steigung, die hinauf zur Hans-Schiller-Allee führt, einen richtigen Spurt hin, den Schleifer mit etwa zwei Metern Vorsprung gewann. Oben angelangt blieben sie stehen, beugten sich und atmeten kräftig durch. Sie schienen eine längere Strecke zurückgelegt zu haben, denn sie wirkten ziemlich ausgepumpt. Ich hörte mit meinem Dauerlauf auf, um mich nicht durch laute Schritte zu verraten und schlich mich langsam an die zwei Nachtsportler heran.
Ein Gebüsch bot mir eine hervorragende Deckung in Hörweite. Ein paar nur spärlich belaubte Zweige ermöglichten mir sogar den Blick auf die Sportkanonen.
Die beiden Lehrer trugen kleine Rucksäcke, denen sie jetzt Trinkflaschen entnahmen. Sie setzten sich auf eine Bank.
„Das nächste Mal gewinne ich den Endspurt“, meinte Eicher.
„Aber nur, wenn ich mich zurückhalte und dich absichtlich gewinnen lasse“, lachte der Sportlehrer.
Die beiden plänkelten scherzhaft noch etwas herum, doch dann wechselte Schleifer das Thema.
„Wie weit bist du eigentlich mit deiner Arbeitsgemeinschaft, Normann?“
„Wir kommen gut voran. Die fahren auf alles ab, was ich so nebenbei einwerfe. Das nächste Mal stehen die Reichsbürger auf dem Programm, und ich werde mit ein paar Nebensätzen schon dafür sorgen, dass die Schüler erkennen, dass die BRD kein souveräner Staat, sondern eigentlich nur eine Firma ist.“
„Du immer mit deinen Reichsbürgern! Aber gut, einige gemeinsame Interessen haben wir schon und sollten deshalb auch weiterhin zusammenarbeiten.“
„Lästere nicht immer über meine Bewegung. Wir sind auf dem Vormarsch und gewinnen immer mehr Anhänger. Ich bin sicher, dass spätestens in einem Jahr die Meisten meiner Schüler einen Pass des Deutschen Reiches wollen. Den solltest du auch beantragen, denn ich hätte ein Superangebot für dich.“
„Wieso?“
„Wie es aussieht, bin ich als Verteidigungsminister im Gespräch, und ich soll eine Streitkraft aufbauen. Wenn ich in dieses Amt berufen bin, brauche ich zunächst einmal einen General, der mich unterstützt. Das wäre doch etwas für dich.“
„Ich weiß nicht so recht, aber es ist gut möglich, dass ich mir ein zweites Standbein aufbauen muss, wenn sich die Sache so weiterentwickelt. Eventuell muss ich sogar untertauchen.“
„Läuft etwas schief, Markus?“
„Das kann man wohl sagen. Isabella schießt quer und will mich bei der Direktorin anschwärzen, was mich vielleicht meinen Job kosten könnte. Dich hat sie auch auf der Latte und sie meint, dass wir gemeinsam die Koffer packen könnten, wenn sie auspackt.“
„Ich dachte, du hast sie mit deinem Charme eingewickelt.“
„Hatte ich auch, aber vor einem Monat ist sie dahintergekommen, dass sie nicht die Einzige ist, die ich beglücke. Seitdem versucht sie, meine Arbeit zu sabotieren. Erfolg hat sie damit jedoch kaum. Bis auf Leon Hansen sind alle auf meiner Seite. Doch der Knabe stellt das zweite Problem dar: Er will in die Arbeitsgemeinschaft der Humanisten wechseln, und du kannst sicher sein, dass er dann über meine Gruppe gewaltig herziehen wird. Wenn der Ethiklehrer das mitbekommt, rennt er sicher zu unserer Chefin. Isabella habe ich eingeschüchtert, denn sie wäre ja mitschuldig, da sie bis vor vier Wochen auf meiner Seite war. Ich muss irgendwie verhindern, dass die beiden reden. Auf Leon könnte ich Arno ansetzen, der hat ihn schon als Verräter beschimpft.“
„Das klingt wirklich nicht gut und könnte unser Vorhaben gefährden. Um meine Zukunft mache ich mir zwar keine Sorgen und auch du hättest ausgesorgt, wenn du mein Angebot, General zu werden, annimmst. Aber auf Unannehmlichkeiten mit unserer Schulleiterin bin ich wirklich nicht scharf. “
„Ich glaube nicht, dass wir mit unseren Bewegungen so viel verdienen werden, dass wir unseren Lebensstandard aufrechterhalten können. Unsere kleinen aktiven Gruppen sind leider noch zu wenig vernetzt und verfügen über zu wenig finanzielle Mittel. Glücklicherweise befindet sich ein deutsches Netzwerk im Aufbau und Arnos Schwester ist hierbei ein wichtiger Knotenpunkt. Die führt zurzeit für ein bundesweites Projekt einen Feldversuch durch. Außerdem versucht sie, weitere Anhänger zu rekrutieren.“
„Richtig! Und gleichzeitig sollten wir auch unsere beiden Bewegungen miteinander vernetzen, damit die Zusammenarbeit auch im gesamten Bundesgebiet klappt. Auf regionaler Ebene funktioniert das bei Demos doch auch. Vielleicht sollten wir auch unsere AGs in der Schule vereinigen.“
„Dein letzter Vorschlag kann leicht Realität werden, wenn ich untertauchen muss. In diesem Fall möchte ich, dass du die Arbeitsgemeinschaft der Kritischen Schüler*innen übernimmst. Außerdem hätte ich eine große Bitte an dich: Du sollst, wenn ich abhauen muss, meinen Schutzraum ausräumen und die ganzen Gegenstände, vor allem die brisanten, in mein Elternhaus in Oybin bringen. Das Haus steht leer, aber ich habe in den letzten Ferien dort auch einen Schutzraum gebaut, in den du das Zeug dann einstellst. Am besten, du mietest dir hierfür einen größeren Transporter. Die Schlüssel für die beiden Häuser und die Adresse gebe ich dir am Montag in der Schule.“
„Die Sache ist mir zu heiß, Markus. So etwas würde ich höchstens für meinen General machen.“
„Ich bin dein General, Normann! Ab sofort!“
Ich hörte Gelächter und wie Eicher sich bei seinem neuen Mitstreiter bedankte. Er sicherte ihm zu, im Notfall den Umzug seines Schutzraumes vorzunehmen.
„Dann haben wir wieder eine erfolgreiche Nacht gehabt. Das war eine Superidee von dir Markus: Samstags in der Nacht Joggen und danach Besprechungen, von denen keine Seele etwas mitbekommt. Ich glaube, wir haben’s für heute. Gehen wir nach Hause.“
Auch ich trat meinen Heimweg an und freute mich auf mein Bett, denn mir taten alle Knochen weh, und meine Muskeln waren vollkommen verspannt. Die geduckte Haltung, die ich hinter dem Gebüsch eingenommen hatte, war auf die Dauer ziemlich anstrengend gewesen, und ich hatte nicht wagen dürfen, mich zu bewegen: Ein Blätterrascheln hätte zu meiner Entdeckung führen können.
Ich war glücklich und entsetzt zugleich. Glücklich, weil meine Observierung weitaus besser gelaufen war, als ich je zu träumen gewagt hätte, und entsetzt war ich über das Gehörte. Im Gymnasium fand eine Verschwörung statt: Es wurde versucht, naive Schüler zu Querdenkern und Reichsbürgern zu formen, und darüber hinaus wurde an einem bundesweiten Netzwerk der beiden radikalen Bewegungen gearbeitet.
Sollte das Vorhaben der beiden Verschwörer gelingen, war unsere Demokratie in ernster Gefahr. Doch das war dann kein Fall für einen Privatdetektiv mehr, sondern für den Verfassungsschutz.