Strahlende Junfernhöhle
Der Fürther Privatdektiv Paul Jonas erhält einen geheimen Auftrag. Er soll Gesteinsproben aus dem Erzgebirge in ein kleinesoberfränkisches Dorf zu einem angeblichen Professor transportieren.
Paul steht demsehr gut honorierten Auftrag septisch gegenüber.
Seine düsteren Vorahnungen bestätigen sich:
Einige Wochen spätrr wird der Professor ermordet.
Paul oll den Mörder aufspüren. Er fordert das ihm sein Auftraggeber reinen Wein einschenkt.
Dieser outet sich als Prä-Astronautiker. Paul hält ihn für einen Phantasten, doch die Höhe des Honorars lässt ihn den Auftrag annehmen.
Erschienen 2023 bei BOD 280 Seiten 12,99 €, E-Book 8,99 €
ISBN Nr. 9783757883997
Leseprobe
Kapitel 6: Stijepo Bistrić und der betrübte Wirt
Es war wieder einmal höchste Zeit nach Tiefenellern zu fahren, um Bier zu kaufen. Tiefenellern lag etwa 15 km östlich von Bamberg, und ich war seit Jahren Stammkunde der Familienbrauerei mit angeschlossener Gaststätte. Die handwerklich gebrauten Biere der kleinen oberfränkischen Brauereien schmeckten eben deutlich besser als die industriell gefertigten.
Um 11 Uhr fuhren Danijela und ich los, so dass wir zu Mittag in der gemütlichen Wirtschaft ankamen.
Georg Bosderer, der Wirt, begrüßte uns und brachte uns die Speisekarte. Danijela entschied sich für Wiener Schnitzel mit Kartoffelsalat, und ich wählte Eingeschnittene Klöß mit Speck und Ei, die auf einer gesonderten schwarzen Tafel angeboten wurden. Georg zapfte uns wie immer ohne Aufforderung zwei Bier aus einem Zehnliter-Holzfass, brachte es uns und setzte sich an unseren Tisch zum Plauschen. Das machte er meist so wenn er Zeit hatte, und heute waren nur der Stammtisch und ein weiterer Tisch mit Gästen besetzt. Georg war normalerweise eine Frohnatur, doch heute schienen ihn Sorgen zu plagen.
„Du schaust heute so betrübt. Bist du krank, Georg?“, wollte Danijela wissen.
„Ich nicht, aber meine Kinder Lukas und Johannes.“
Ich kannte seine zwei Rabauken, die 12 und 13 Jahre alt waren.
„Was haben sie?“
„Keine Ahnung. Sie liegen seit einer Woche in der Uni-Klinik Erlangen auf Isolierstation und dürfen keinen Besuch empfangen.“
„Haben sie eine ansteckende Krankheit? Masern oder Scharlach?“, schaltete ich mich neugierig in das Gespräch ein.
„Die Ärzte sagen nein, aber sonst rücken sie mit nichts heraus. Diese Unwissenheit bringt Gerda und mich noch um den Verstand.“
„Erzähl mal, Georg, wie ist es dazu gekommen?“, forderte Danijela den besorgten Wirt auf.
„Die beiden hatten sich eine Strickleiter gebaut, damit sie in die Jungfernhöhle hinabsteigen konnten. Sie wollten Steinzeit spielen. Ihr wisst doch, auf welche irren Gedanken die beiden immer kommen.“
Ich nickte, denn er hatte uns schon oft von den Streichen seiner Bengels erzählt.
„Als sie zum Abendessen zurück waren, ging es ihnen schlecht. Sie übergaben sich heftig, hatten Kopf- und Gliederschmerzen und fühlten sich sehr matt. Ich habe erst gedacht, sie haben sich mit einem grippalen Infekt angesteckt und habe unseren Doc geholt. Dann kam starkes Nasenbluten hinzu, und ihre Unterarme und Unterschenkel waren rot wie bei einem Sonnenbrand. Der Doc hat sie vorsichtshalber ins Bamberger Klinikum eingewiesen, und die haben meine Jungs dann sofort nach Erlangen in die Isolation verfrachtet. Da ich sie nicht besuchen durfte, habe ich darauf bestanden, dass sie zumindest ein Telefon bekommen. Wir telefonieren täglich, und es geht ihnen auch schon etwas besser.“
„Wie werden sie behandelt?“
„Sie bekommen Infusion und täglich wird ihnen Blut abgezapft. Die Ärzte und Schwestern tragen immer einen Schutzanzug. Da muss doch Schlimmeres im Busch sein! Am meisten quält sie die Langeweile. Ich habe ihnen deshalb schon ein paar Bücher, Spiele und ihre Tablets zukommen lassen, aber es ist ihnen trotzdem immer noch fad.“
Ein kurzes Klingeln signalisierte, dass unser Essen fertig war. Georg brachte es uns und ging dann zu den anderen Tischen um zu fragen, ob noch etwas gewünscht wurde. Der Stammtisch bestellte sechs Bier.
Wir ließen uns unser Essen schmecken, doch Danijela hatte Falten auf ihrer Stirn. Georgs Sorgen waren auf sie übergesprungen.
„Du musst Georg helfen!“, sagte sie eindringlich zu mir, nachdem sie ihr Mahl bereits nach der Hälfte des Riesenschnitzels beendet hatte. Aus ihrer Tasche zog sie eine Plastikbox, um den Rest des Schnitzels dort zu verstauen. Das machte sie meist so.
Ich schaute erstaunt.
„Und wie soll ich das machen?“
„Du musst deine detektivischen Fähigkeiten einsetzen und herausfinden, woran die Jungs leiden.“
„Glaubst du, die Ärzte werden mir sagen, was die beiden wirklich haben? Für mich klingt das alles nach einer gefährlichen Virusinfektion, die geheim bleiben soll. Keine Ahnung, wie ich das anstellen soll, Danijela.“
„Leg’ dich auf dein Sofa und lass deine grauen Zellen im Hirn rotieren. Das macht du doch immer bei kniffligen Fällen.“
„Ich habe einige Übersetzungsaufträge, die termingerecht abgegeben werden müssen. Da habe ich keine Zeit für aufwändige Ermittlungen.“
„Die Übersetzerei übernehme ich, und du machst das, wozu du als Freimaurer verpflichtet bist: Nie der Not und dem Elend den Rücken zu kehren. Georg ist in seelischer Not und sieht auch wirklich elend aus.“
Wie oft hatte mich Danijela mit der Erinnerung an meine Freimaurerpflichten eigentlich schon zum Detektivspielen gedrängt? Doch ich musste zugeben, dass mir das Ermitteln auch stets Spaß gemacht hatte. Ich gab mich deshalb geschlagen und sagte zu.
„Hat es euch geschmeckt?“, fragte Georg, als er das Geschirr abservierte.
„Hervorragend, wie immer“, lobte ich. Danijela musste natürlich gleich meinen neuen Detektiveinsatz ausposaunen.
„Stijepo hat versprochen, undercover in der Uni-Klinik zu ermitteln, um herauszufinden, woran deine Jungs leiden, Georg. Er war ja bereits viermal als Detektiv in anderen Fällen erfolgreich.“
Oh Mann, warum musste meine Holde mich derart unter Erfolgsdruck setzen?
Georg strahlte über das ganze Gesicht.
„Das willst du wirklich für mich tun, Stijepo?“
Ich nickte.
„Dann kostet das Essen heute nichts, und zwei Kästen unseres neuen Zwickl-Biers bekommst du auch noch.“
„Danke, Georg! Ich brauche aber auch noch einen Kasten Pils, einen Kasten Lager und drei Kästen Posthörnla. Aber die bezahle ich selbstverständlich.“
Nachdem wir die Bierspezialitäten in unser Auto verfrachtet hatten, fuhren wir zur nahegelegenen Jungfernhöhle, die ich in Augenschein nehmen wollte.
Wir fuhren durch Tiefenellern und dann über die steile Ellerbergstraße mit einigen Serpentinen am Eulenstein vorbei zur Albhochfläche, die etwa 200 m höher als Tiefenellern lag. Dort bogen wir nach rechts in Richtung Heiligenstadt ab. Nach etwa 500 m zeigte ein Wegweiser nach rechts zur Jungfernhöhle. Wir parkten und stiegen aus.
Die Jungfernhöhle war uns von früheren Ausflügen her bekannt. Der Name ist jedoch etwas irreführend, denn man stellt sich eine begehbare größere Höhle vor. Im Grunde genommen ist die Höhle aber nur ein Loch in einem nicht allzu großen Karstfelsen – neun Meter breit, drei Meter hoch und sieben Meter lang. Betreten kann man sie normalerweise nicht, denn das Loch führt beim Eingang etwa zwei Meter in die Tiefe. Deshalb hatten sich Georgs Jungs auch eine Strickleiter gebaut.
Bekanntheit erlangte die 1951 entdeckte Höhle nur, weil Forscher der Universität Bamberg darin Bandkeramik-Gefäße, knöcherne Essstäbchen sowie Skelett- und Schädelreste von mindestens 40 Menschen gefunden hatten. Mittels der C14-Methode errechnete man das Alter der Fundstücke auf etwa 6.150 Jahre. Die Höhle war ein neolithischer Kultort der Bandkeramik-Zeit und wurde auch in der Bronze-, Hallstatt- und Latènezeit als Opfergrube benutzt. An der Straße befand sich nach etwa 500 m auf der linken Seite ein schwarzes Kreuz, das Den Opfern der Jungfernhöhle zum Gedächtnis gewidmet ist, wie ein Schild verkündete.
Doch diesmal war uns der Weg zur Jungfernhöhle verwehrt. Die Höhle war mittels Bauzäunen großflächig abgesperrt. Gesperrter Bereich – Lebensgefahr stand auf einer Warntafel mit Totenkopf.