Tödlicher Spitzhammer
Der Zeremonienmeister der Fürther Freimaurerloge wird ermordet undder Logenvorstand als tatvedächtig verhaftet.
Privatdedektiv Paul Jonas, soll dessen Unschuld beweise und den Mörder aufspüren,wobei ihn Logenbruder stijepo Bisti´c unterstützt-
Jonas muss dazu tief in die Welt der Freimaurer eintauchen.
War es am Ende ein Ritualmord?
Erschienen 2021 bei BOD 232 Seiten 10,99 €, E-Book 7,49 €
ISBN 9783754301630
Leseprobe
Fritz Engel saß auf seinem Stuhl im Westen des Tempels der Fürther Freimaurerloge
Brudertreue im Kleeblatt und begutachtete sein Werk: Die Einrichtung des Tempels für eine rituelle Arbeit war fertig gestellt. Seine Aufgabe als Zeremonienmeister hatte er wieder einmal – wie immer in den letzten 25 Jahren – vorbildlich erfüllt. Und das eine Stunde bevor die rituelle Arbeit beginnen sollte, so hatte er es immer gehalten.
Disziplin, Pflichterfüllung und Tradition waren das Credo des ehemaligen Berufsoffiziers. Er diente nach seinem vorzeitigen freiwilligen Ausscheiden aus der Bundeswehr seiner Loge genau so gewissenhaft, wie er vorher der Bundesrepublik Deutschland gedient hatte. Er war 70 Jahre alt – die Hälfte seines Lebens gehörte er dem Freimaurerbund an.
Er war alleine im Logenhaus und genoss die Stille im Tempel. Mit dem Wort Tempel verbinden die meisten Menschen einen Raum für ein religiöses Ritual. Aber genau das war ein Freimaurertempel nicht. Das freimaurerische Ritual soll die Brüder zum Nachdenken anregen und an ihre ethischen Aufgaben als Freimaurer erinnern.
Auch ohne religiösen Bezug war aber das Wort Tempel gut gewählt, denn templum
bezeichnet einen vom Profanen abgegrenzten Raum.
Der Zeremonienmeister ließ den Eindruck des Raumes bewusst auf sich einwirken:
Knapp 20 m lang und 10 m breit war der Tempel und bot leicht für 60 Logenbrüder Platz.
Die sechs Doppelbogenfenster waren mit blauen Vorhängen verhangen, die einen
wunderbaren Kontrast zu den hellen Wänden und Pilastern bildeten. Der Meisterplatz im Osten befand sich unter einem Baldachin, ebenfalls in Blau, der Farbe der Treue. In der Nordostecke stand das Pult des Sekretärs, in der Südostecke das Pult des Redners, dann die langen Stuhlreihen für die Brüder auf der nördlichen und südlichen Längsseite mit Blickrichtung zur Tempelmitte, und im Westen befanden sich die Plätze der beiden Aufseher. Dazwischen war sein Platz, der Platz des Zeremonienmeisters, auf dem er gerade saß.
Die dunkelblaue Decke des etwa 7 m hohen Raumes war mit Sternen geschmückt und erinnerte Engel immer an Immanuel Kants Aussage Der gestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.Den Fries an den Wänden oberhalb der Fenster hatte in den 50er Jahren ein Logenbruder, der Kunstmaler war, mit Bildern eines Steinmetzlebens geschmückt: Auf der Nordseite waren Lehrlinge abgebildet, die einen rauen Stein bearbeiten, der langsam Gestalt annimmt und sich zum Kubus wandelt, was der Meister kritisch mit dem Winkel prüft. Der Fries an der Ostseite zeigte den Lehrling mit seinem Gesellenstück und den Meister, der dem jungen Gesellen den Gesellenbrief übergibt und ihn auf die Wanderschaft schickt.
Die Wanderschaft war auf der Südseite dargestellt, wo der Geselle auf mehreren Baustellen Erfahrungen sammelt. Im Westen war schließlich zu erkennen, wie der Geselle Meister wird und sein Leben als greiser Meister endet. Ein einmaliges Kunstwerk, das Engel nach dem Aufbau des Tempels jedes Mal in Ruhe ausgiebig betrachtete.
Hinter den Aufseherplätzen gab es im Westen eine Nische mit Bühne und Konzertflügel, der zur musikalischen Ausschmückung der rituellen Arbeit diente. Glücklicherweise befand sich auch ein Konzertpianist unter den Brüdern. Fritz Engel hing seinen Gedanken nach. Er war Freimaurer mit Herz und Seele.
„Ich habe stets versucht, unsere Ideale Humanität, Toleranz, Freiheit, Gleichheit,
Gerechtigkeit und Brüderlichkeit im Alltag zu leben„, dachte er, war sich aber wohl bewusst, wo seine Grenzen der Toleranz waren: bei der peinlich genauen Einhaltung des Rituals und der Pflege des freimaurerischen Brauchtums, das sich von den mittelalterlichen Dombauhütten ableitete. Er konnte auch bei kleineren Pannen im Ritualgeschehen sehr unwirsch reagieren und kanzelte nach der rituellen Arbeit die Ritualbeamten, die sich einen Wolfgang Klar Leseprobe Tödlicher Spitzhammer 2
kleinen Lapsus erlaubt hatten, nicht ganz brüderlich ab. Sein Wissen in der freimaurerischen Geschichte und in Ritualangelegenheiten war schier grenzenlos, und er erwartete, dass die Brüder danach streben sollten, zumindest ihre Ritualtexte auswendig zu lernen.
Ein weiterer Stachel in seinem Fleisch war die Öffentlichkeitsarbeit, die die Loge seit
Jahrzehnten intensiv betrieb. Öffentlichen Veranstaltungen der Loge blieb er deshalb stets fern. Erst vor kurzem war er mit seinem Meister vom Stuhl, Gerhard Schreiner, wegen des Themas Öffentlichkeitsarbeit in den Haaren gelegen.
„Logenhausführungen – so etwas hätte es noch vor 50 Jahren nie gegeben. Kein
Außenstehender sollte den Tempel betreten. Wir haben immer darauf geachtet, dass wir unter uns blieben, und kein Bruder hätte sich als Logenmitglied geoutet, wie es die meisten Brüder heute tun„, beschwerte er sich.
Genauso vehement stemmte er sich gegen die Einbindung der Ehefrauen der Brüder ins Logenleben: „Frauen haben im Logenhaus nichts zu suchen.„
Auch den Vorschlag des Meisters vom Stuhl, den Aufbau des Tempels den jüngeren
Brüdern, den Lehrlingen und Gesellen, zu überlassen, lehnte der Zeremonienmeister strikt ab: „Die machen das nicht ordentlich genug. Außerdem kann ich es nicht leiden, wenn vor der rituellen Arbeit andere Brüder bereits den Tempel betreten.„
„Du bist ein hervorragender Bruder und Freimaurer„, hatte ihn Stuhlmeister Schreiner
gelobt. „Doch mit etwas mehr Toleranz und Gelassenheit würdest du deine Brüder nicht so oft vor den Kopf stoßen
Sieh doch mal über einige kleine Unzulänglichkeiten hinweg.„
Darauf hatte er wütend entgegnet: „Beim Ritual kenne ich keine Toleranz!„Als er in der Stille des Tempels saß und das Gespräch mit seinem Stuhlmeister
reflektierte, erkannte er, dass dieser genau seinen wunden Punkt getroffen hatte.Freimaurer bezeichnen den Menschen mit seinen Unzulänglichkeiten und Leidenschaften als Rauen Stein. Die Aufgabe des Freimaurers war es, sich selbst zu erkennen und an sich zu arbeiten, damit der Stein kubisch wird und er problemlos mit anderen Steinen, das heißt mit anderen Menschen, harmonisch zusammengefügt werden kann. „Das ist wirklich eine gewaltige Unebenheit an meinem Rauen Stein, den ich mit dem Spitzhammer abschlagen muss, aber ich kann einfach nicht aus meiner Haut„, dachte Fritz Engel.
Nochmals warf er einen Blick auf den eingerichteten Tempel. Der Arbeitsteppich, auf dem die Werkzeuge der mittelalterlichen Steinmetze abgebildet waren und den Freimaurern als Symbole und Hilfsmittel für ihre Arbeit an sich selbst dienen sollten, lag in der Mitte des Tempels. Flankiert war er von den drei Säulen, die Weisheit, Stärke und Schönheit symbolisieren – Eigenschaften, die man braucht, um sein Leben rechtschaffen zu gestalten.
An der Säule der Schönheit lagen der Raue Stein und der Spitzhammer.
Ein nochmaliger kritischer Blick brachte Engel die Erkenntnis, dass der Arbeitsteppich doch nicht ganz genau in der Mitte lag. Engel stand auf, um den Teppich ein paar Zentimeter nach rechts zu schieben. Als er dies erledigt hatte, drehte er sich um und erkannte eine Gestalt im schwarzen Anzug, mit Zylinder und mit weißen Handschuhen vor sich. Zornesröte schoss ihm ins Gesicht. „Was machst du hier? Du gehörst nicht hierher!„, schrie er die Gestalt an, die geschwind den Spitzhammer ergriff und dem Zeremonienmeister auf die Stirn schlug.
Engel spürte einen stechenden Schmerz, schrie kurz auf und fühlte, wie ihm die Sinne schwanden und das Blut über sein Gesicht strömte. Er vollführte noch eine halbe Drehung und stürzte hin. Sein Blick fiel noch auf den Fuß der Säule der Schönheit, doch das Bild wurde immer verschwommener und mündete schließlich in tiefem Schwarz